Auf der Website stehen seit dieser Woche fünf Produkte. Fünf. Als ich das Redesign fertig hatte und die neue “In der Pipeline”-Sektion zum ersten Mal im Browser sah, war mein erster Gedanke nicht Stolz, sondern: Moment, wann ist das eigentlich passiert? Zeit für einen ehrlichen Zwischenstand – was läuft, was hakt, und was ich beim parallelen Bauen von fünf Sachen über Fokus gelernt habe.
Der Stand der Dinge
Kurzer Überblick, von fertig bis Baustelle:
OutAndAbout ist live, im App Store und bei Google Play. Lokale Events auf einer Karte entdecken, ohne Algorithmus-Feed und ohne Account-Zwang. Die App ist mein Arbeitsbeweis dafür, dass ein Indie-Produkt den kompletten Weg schaffen kann – von der Idee bis zu echten Nutzern in den Stores.
Vera steckt in der Beta. Sprachnachrichten, die sich wie ein Gespräch anfühlen statt wie ein Anrufbeantworter – die Idee trägt, aber eine soziale App lebt davon, dass Menschen sie gemeinsam benutzen. Genau das macht die Beta-Phase hier so zäh und so lehrreich zugleich.
Mano ist neu im Test: ein Kalender mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Das heißt: Termine werden schon auf deinem Gerät verschlüsselt, und auch geteilte Kalender kann serverseitig niemand mitlesen – ich selbst eingeschlossen. Dass ausgerechnet der Kalender, eines der intimsten Datenpakete überhaupt, bei den großen Anbietern unverschlüsselt liegt, hat mich nie losgelassen.
Memio ist ebenfalls im Test. Die App erinnert dich an die Dinge, die durch jedes Raster fallen, weil sie nur alle paar Monate oder Jahre anstehen: Vorsorgetermine, TÜV und Fahrzeugfristen, Impfungen fürs Haustier, Wartung im Haus. Kein zweiter Kalender, eher ein Gedächtnis für Lebens-Deadlines.
Pay-at-Table ist die größte Wette und noch im Aufbau: ein QR-Bezahlsystem für die Gastronomie. Gast scannt den Code am Tisch, sieht die Rechnung, zahlt mit dem Handy – ohne App-Download, ohne aufs Kartenlesegerät zu warten.
Wie das im Alltag aussieht
Von außen klingt “fünf Produkte” nach einem Team. Es ist keins. Es ist ein Entwickler mit einem Vollzeitjob in der digitalen Transformation, Abenden, Wochenenden – und einem Hebel, den es vor drei Jahren so nicht gab: KI-Agenten, die echte Arbeit übernehmen.
Das Muster hat sich über die Monate herausgebildet: Ich treffe die Produktentscheidungen, baue die kritischen Teile selbst und lasse Agenten die Arbeit machen, die früher ganze Abende gefressen hat – Boilerplate, Refactorings, Recherche, Textentwürfe, zuletzt das komplette Redesign der Website. Mein Newsletter-Agent Mark läuft seit Monaten auf einem eigenen kleinen Server und liefert mir Woche für Woche Entwürfe zu. Ohne diesen Hebel wäre die ehrliche Zahl nicht fünf Produkte, sondern zwei.
Was der Hebel nicht ersetzt: Entscheidungen. Welches Feature fliegt raus, welcher Testerhinweis ist ein Einzelfall und welcher ein Muster, wann ist “gut genug” wirklich gut genug – das bleibt Handarbeit. KI multipliziert die Umsetzung, nicht das Urteilsvermögen.
Was ich dabei lerne
Testphasen sind Demut-Training. Mano und Memio bei echten Menschen im Test zu haben heißt: zuschauen, wie jemand die App anders benutzt, als ich sie gedacht habe. Der Screen, auf den ich stolz war, wird übersprungen. Das Feature, das ich fast gestrichen hätte, ist der Liebling. Es gibt keinen Ersatz dafür – kein Framework, kein Testlabor, keine KI.
Parallelität ist ein Kredit, kein Geschenk. Fünf Produkte heißt: Wenn ich an einem arbeite, stehen vier still. Das funktioniert nur, weil die Projekte in verschiedenen Phasen stecken – eine Live-App braucht punktuell Pflege, eine Test-App braucht Feedback-Runden, ein Produkt im Aufbau braucht konzentrierte Bauwochen. Wären alle fünf gleichzeitig “heiß”, würde das Kartenhaus zusammenfallen. Die Phasen-Staffelung ist kein Zufall, sie ist die einzige Überlebensstrategie.
Beim größten Projekt zwingt mich die Recherche zur Bescheidenheit. Für Pay-at-Table habe ich vor dem ersten Feature wochenlang Markt und Rechtslage durchgearbeitet – und die wichtigste Erkenntnis war unbequem: Die Schwierigkeit liegt nicht im Code. Bezahlen in der deutschen Gastronomie ist ein Feld voller regulatorischer Fallstricke und gescheiterter, gut finanzierter Vorgänger. Deshalb starte ich bewusst klein: Das Geld der Gäste fließt über einen lizenzierten Zahlungsdienstleister und niemals über mein Konto, und der Einstieg ist das reine Bezahlen am Tisch – nicht gleich das komplette Kassensystem. Groß denken, klein und rechtssicher anfangen. Der unbequeme Weg ist hier der einzig seriöse.
Die ehrliche Risiko-Spalte
Transparenz gehört zum Deal, also auch das: Es kann gut sein, dass von den fünf Produkten in einem Jahr nicht alle fünf noch da sind. Vielleicht zeigt der Test, dass Memio die Leute nicht genug packt. Vielleicht bestätigt sich bei Pay-at-Table, woran deutlich größere Anbieter sich die Zähne ausgebissen haben. Das wäre kein Scheitern des Modells, sondern der Sinn der Pipeline: klein testen, ehrlich hinschauen, konsequent entscheiden – bevor Jahre und Erspartes in einer Idee stecken, die der Markt nicht will. Keine Investoren zu haben heißt auch: Niemand zwingt mich, ein totes Pferd weiterzureiten, nur weil Geld darauf wettet.
Fazit & Ausblick
Fünf Produkte auf der Website sind kein Erfolgsbeweis – noch nicht. Live und bewährt ist eines, der Rest muss sich erst verdienen, dort zu stehen. Aber genau diese Pipeline ist für mich der Kern von Indie-Entwicklung im Jahr 2026: mit KI-Hebel mehr Wetten platzieren können als früher, ohne dass eine einzelne Wette existenziell wird. In den nächsten Monaten entscheidet sich bei Mano und Memio, ob aus “im Test” ein Launch wird, und bei Pay-at-Table steht der erste echte Pilotbetrieb an. Ich schreibe hier auf, wie es ausgeht – auch, wenn es schiefgeht.
Deine Gedanken dazu:
Woran erkennst du bei einem Nebenprojekt, dass es Zeit ist loszulassen – und woran, dass du dranbleiben solltest?
Würdest du einem verschlüsselten Kalender von einem Indie-Entwickler eher vertrauen als dem Kalender eines Großkonzerns? Warum – oder warum nicht?
Welche wiederkehrende Lebens-Deadline hast du zuletzt verpasst, obwohl sie eigentlich absehbar war?
Und ganz praktisch: Wie viele parallele Projekte verkraftest du, bevor der Fokus kippt – kennst du deine Zahl?